Dresdener Positionspapier 2010

anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Bundesverbandes Kirchenpädagogik e. V.

Der Bundesverband Kirchenpädagogik e. V. feiert in diesem Jahr sein zehnjähriges Bestehen. Zwei Jahre nach seiner Gründung wurden auf der Mitgliederversammlung 2002 in Osnabrück die Thesen zur Kirchenpädagogik verabschiedet. Sie sind seither das „Grundgesetz“ dieses Verbandes geworden. Nun ist es an der Zeit, aktuelle Fragestellungen aufzugreifen und sie in die damals formulierte Intention einzutragen. Wir gehen hierbei davon aus, dass sich der Begriff Kirchenpädagogik in der Arbeit des Verbandes weithin bewährt hat. Daneben haben Begriffe wie Kirchenraumpädagogik und Sakralraumpädagogik Verbreitung gefunden.

Wortbildungen dieser Art wollen darauf verweisen, durch Auseinandersetzung mit den Inhalten einer reichen Kirchenbau-Überlieferung neue Zugänge für christlichen Glauben, Kirche und davon geprägter  individueller Sinnfindung und Lebensgestaltung möglich zu machen.

Kirchenpädagogik und Bildung

Durch den Begriffsteil Pädagogik fühlen sich Erwachsene zu sehr an einen schulischen Kontext erinnert. Dies bleibt ein nicht zu überwindendes Dilemma, da der Begriff Kirchenführung ein sehr einseitiges Handlungsschema suggeriert: Hier die Führenden und Leitenden, da die Hörenden und Rezipierenden.

Das Wort Pädagogik bringt dagegen ein Miteinander der im Kirchenraum auf Augenhöhe Agierenden ‑ Führende wie Teilnehmende ‑ zum Ausdruck. Die Teilnehmenden können ihre je eigenen – nicht zuletzt biographisch geprägten – Kompetenzen einbringen. Diese werden in der kirchenpädagogischen Arbeit entsprechend der Bildungsentwicklung (ob als junge Menschen oder Erwachsene) bewusst einbezogen. In dieser Ermöglichung von Teilhabe spiegelt sich wider, dass die führende Person vorausgehend ihre Rolle reflektiert hat und sich ihrer persönlichen Authentizität bewusst ist. In der Konsequenz bedeutet dies, dass die hierzu gewählten Aktionsformen didaktisch strukturiert und ihre Methoden reflektiert angewandt werden.

Der Begriff Kirchenführung  wird für die Ankündigung von Kirchenraum erschließenden Angeboten mit Erwachsenen auf weite Sicht unverzichtbar sein.

Kirchenpädagogik und touristische Angebote

Als Orte des kulturellen Gedächtnisses, der Identifikation und als Kulturgüter gehören Kirchenräume nicht allein den Kirchen. Daher findet Kirchenpädagogik auch auf dem Markt touristischer Angebote statt. Tourismus und Eventkultur tragen zu einem neugewonnenen Interesse der Menschen an Kirchenräumen bei. Kirchenpädagogik nimmt dieses Interesse ernst und behauptet sich auf dem touristischen Markt mit einem besonderen Profil. Dabei setzt sie sich mit historischen, kunsthistorischen und gesellschaftswissenschaftlichen Fragestellungen auseinander. Sie nimmt die theologisch wie geschichtlich bedingten Linien der Kirchenraumgestaltung ernst, übersetzt sie in die Gegenwart und setzt sie zu den Erfahrungen und Fragen der Teilnehmenden in Beziehung.

Auch im Bereich der in vielen Kirchen ausliegenden schriftlichen Kirchenführer kann die Kirchenpädagogik künftig einen wichtigen Beitrag leisten und ihre Kompetenzen einbringen. Den weithin vielfach kunstgeschichtlich ausgerichteten Produkten gilt es neue Formate an die Seite zu stellen. Sie sollen allgemein verständlich geschrieben sein und die Lesenden als Schauende und Sinnsuchende einbeziehen. Zukünftig muss sich Kirchenpädagogik auch den neuen Formen der medialen Vermittlung (wie z.B. Audioguides) stellen und diese nach eigenen Qualitätskriterien nutzen und gestalten.

Kirchenpädagogik und Mission

Kirchenpädagogisches Handeln geschieht auf der Schwelle: dort, wo sich menschliche Alltagserfahrungen und gelebte Glaubenserfahrungen begegnen. Es ist eine wesentliche Aufgabe kirchenpädagogischen Arbeitens, Zugänge zu oftmals verschütteten religiösen Erfahrungen und Sehnsüchten der Beteiligten anzubahnen und diesen Prozess unaufdringlich und behutsam zu moderieren.[1] So wird Kirchenpädagogik vielerorts wahrgenommen und darin besteht auch ihre Erfolgsgeschichte.

In unserer Gesellschaft haben die Kirchen das Alleinstellungsmerkmal für das Religiöse verloren. In der Folge wurde in den letzten Jahren der weitgefächerte Begriff Mission wiederentdeckt. In diesem Kontext hilft die Kirchenpädagogik, den Erschließungsprozess von Kirchenräumen einladend statt vereinnahmend zu gestalten. Sie fordert nicht zum expliziten Bekenntnis heraus, vielmehr erweist sich kirchenpädagogisch geprägtes Handeln an dieser Stelle als Zeitgenossenschaft, die den Verstehens- und Glaubenshorizont der Menschen der gegenwärtigen Gesellschaft miteinbezieht.

Von den Teilnehmenden werden sie als Repräsentantinnen und Repräsentanten der Kirche wahrgenommen. Bei den kirchenpädagogisch handelnden Personen setzt das eine bewusste Reflexion ihres eigenen Standortes gegenüber der Kirche in ihren drei Dimensionen (architektonisches Bauwerk, Gemeinschaft der Glaubenden und institutionelle Konkretion) voraus.

Ausblicke

Das Erfahrungspotential der durch die Konfessionen unterschiedlich geprägten Kirchenräume muss in den kommenden Jahren weiter ausgelotet werden. Hier gilt es in nächster Zeit, die Unterschiede nicht zu verwischen, sondern „konfessionssensibel“ wahrzunehmen und herauszustellen.

Im Blick auf den interreligiösen Dialog sieht sich Kirchenpädagogik in ihrer Deute- und Vermittlungskompetenz in der schulischen wie der außerschulischen Bildung besonders herausgefordert.

Mittlerweile wird das Erfolgskonzept der Kirchenpädagogik auch auf die Erschließung anderer Sakralräume angewendet. Andere Glaubensgemeinschaften beginnen damit, die Führungen durch ihre Versammlungs- und Gebetsorte beteiligungsorientiert zu gestalten. In Zeiten zunehmender Multikulturalität und Multireligiosität steht es an, auf regionaler Ebene gemeinsam an der Entwicklung von religionssensiblen Konzepten, Materialien und Fortbildungen für eine „Pädagogik heiliger Räume“ zu arbeiten.

Damit die Kirchenpädagogik auf die vielfältigen Herausforderungen verlässlich und kompetent reagieren kann, sollten die Verantwortlichen in den katholischen Diözesen und in den evangelischen Landeskirchen die bisher geleistete Arbeit durch Personal- und Sachmittel in angemessenem Umfang anerkennen.

 

[1] Vgl. These 3 der Osnabrücker Thesen des Bundesverbandes Kirchenpädagogik e. V. von 2002 (siehe www.bvkirchenpaedagogik.de).